In stillem Gedenken

Am 10. Juni 2025 verstarb Dr. Jenny De la Torre Castro nach langer Krankheit in Berlin.

Über drei Jahrzehnte widmete sie ihr Leben der Versorgung obdachloser Menschen. Tausende fanden durch ihre Hilfe den Weg zurück in ein würdevolles Leben. Ihre Vision einer Gesellschaft, die niemanden aufgibt, bleibt unser Auftrag.

Ihr Lebenswerk lebt in unserer täglichen Arbeit weiter.

Dr. Jenny De la Torre Castro, Gründerin der Stiftung

Helfen, heilen und pflegen, jenen zur Seite stehen und ihre Schmerzen lindern, die es am nötigsten brauchen – das wollte Dr. Jenny De la Torre Castro, solange sie denken konnte.

Als Kind schon wurde sie mit Armut und sozialer Ungleichheit konfrontiert. In ihrem Heimatort Puquio in Peru gab es zu wenig Ärzte, um all das Leid und die vielen Krankheiten zu lindern. Deshalb wollte sie Ärztin werden.

Fern ihrer peruanischen Heimat studierte sie in den achtziger Jahren in Deutschland Medizin mit dem festen Willen, zurückzukehren, um den Ärmsten der Armen in ihrem Land zu helfen.

Der Weg nach Deutschland

Es kommt anders. Nach erfolglosen Versuchen, in Peru Fuß zu fassen, kehrt Jenny De la Torre Castro nach Deutschland zurück. 1983 beginnt sie ihre Facharztausbildung als Kinderchirurgin an der Berliner Charité der Humboldt-Universität. Nach erfolgreicher Facharztausbildung und Promotion kehrt sie mit ihrem Sohn erneut zurück nach Peru – wieder ohne Erfolg.

In Berlin arbeitet sie an verschiedenen Kliniken in Deutschland und Österreich. Sie widmet sich einem Projekt für Schwangere und Mütter in Not.

Sie ist eine erfolgreiche Ärztin und kann vielen Patienten helfen, aber das reicht ihr nicht. Der Medizinbetrieb ist unbarmherzig. Von Fachärzten wie ihr wird verlangt, Patienten nach höchstem medizinischen Wissensstand zu behandeln, möglichst ohne Fehlerquote und vor allem schnell. Für Gespräche und Kontakte bleibt da kaum Zeit.

Dr. Jenny De la Torre Castro möchte aber mehr. Sie will nicht nur perfekt operieren. Sie will auch selbst sehen, wie ihr Patient sich erholt, fragen, ob er alles gut überstanden hat und für ihn eine Vertrauensperson sein.

Helfen auf dem Berliner Ostbahnhof

1994 beginnt die Medizinerin auf dem Berliner Ostbahnhof obdachlose Menschen zu behandeln. Sie untersucht täglich etwa 25 Patienten, versorgt mit einfachen Mitteln Wunden, Verletzungen und Geschwüre, lindert Schmerzen und verteilt notwendige Medikamente.

Neben Hautkrankheiten, wie der sogenannten „Schlepe", die fast jeder irgendwann bekommt, der auf der Straße lebt, sind es vor allem Parasiten, offene Beine und chronischer Alkoholismus, die Obdachlose quälen.

Der Einsatz verlangt von ihr starke Nerven und viel Fingerspitzengefühl. Vor allem der Umgang mit alkohol- und suchtkranken Menschen fiel Dr. Jenny De la Torre Castro zunächst nicht leicht. Aber schließlich sagte sie sich: Man muss die Menschen annehmen, wie sie sind. Sie haben sich dieses Leben schließlich nicht ausgesucht.

Jedem Patienten, der in ihre Praxis kommt, hört sie geduldig zu, nimmt sich Zeit und schafft so Vertrauen. Das brauchen obdachlose Menschen ganz besonders, weiß die Ärztin aus Erfahrung, denn sie sind „sozial krank".

"Eine Gesellschaft, die so reich ist, wie die deutsche, muss es sich einfach leisten, sich um die Ärmsten zu kümmern."

Ihre Beharrlichkeit und Zuverlässigkeit haben Erfolg. Die obdachlosen Patienten akzeptieren „ihre" Frau Doktor. Viele kommen bald regelmäßig zu ihr. Doch am glücklichsten ist sie, wenn ein Patient nach langer Zeit zu ihr kommt – auf Besuch, weil er von der Straße weg ist und wieder ein selbständiges Leben führt.

Innerhalb der Ärzteschaft erfährt der Einsatz der Kollegin mehr und mehr Anerkennung. Fachärzte bieten ihre Hilfe an und behandeln wohnungslose Patienten in ihrem Spezialgebiet weiter. Europaweit wird das auf der ganzen Welt einmalige Projekt einer Obdachlosenpraxis zunehmend ernst genommen.

Junge Medizinstudenten und Auszubildende in medizinischen Berufen besuchen die Einrichtung, um von den hier gesammelten Erfahrungen zu lernen. Dr. Jenny De la Torre Castro gibt gern ihr Wissen weiter, hält Vorträge an Universitäten, Bildungseinrichtungen und auf Benefizveranstaltungen.

1997 erhält die Ärztin für ihre außergewöhnlichen Leistungen das Bundesverdienstkreuz aus den Händen des Bundespräsidenten Roman Herzog.

Gründung der Stiftung

Im Dezember 2002 wird die „Jenny De la Torre-Stiftung" in Berlin gegründet mit dem Ziel, die medizinische Hilfe und Betreuung für obdachlose Menschen langfristig abzusichern.

Nach einem Konflikt mit ihrem Arbeitgeber über die Reduzierung ihrer Stelle beendet Dr. Jenny De la Torre Castro 2003 ihr Arbeitsverhältnis. „Ich habe das Projekt aufgebaut und stehe nicht zur Verfügung, wenn es nun zusammengekürzt wird." Für sie ist das nicht das Ende, sondern der Anfang eines neuen Projekts.

2004 bis 2006 baut sie das „Gesundheitszentrum für Obdachlose" auf, das im September 2006 eröffnet wird. Von 2006 bis 2025 leitet sie das Zentrum als Ärztin und gibt unzähligen Menschen Hoffnung und Würde zurück.

Wirkung und Bedeutung

  • Aufbau eines nachhaltigen Versorgungsmodells für obdachlose Menschen in Berlin
  • Verbesserung der medizinischen Versorgung für eine der verletzlichsten Bevölkerungsgruppen
  • Vorbild und Inspiration für ähnliche Initiativen in Deutschland und Europa
  • Ausbildung und Prägung einer ganzen Generation junger Medizinerinnen und Mediziner

Lebenslauf

1954
Geboren in Nazca, Peru
1973–1976
Medizinstudium an der Universität „San Luis Gonzaga de Ica", Peru
1976
Delegierung zum Auslandsstudium in die DDR
1977–1982
Medizinstudium an der Karl-Marx-Universität Leipzig
1983–1990
Facharztausbildung an der Charité (Berlin) zur Kinderchirurgin
1990
Promotion Dr. med. mit summa cum laude
1991
Gastärztin Landeskrankenhaus Salzburg
1992–1993
Beratende Tätigkeit „Schwangere und Mütter in Not"
1994–2003
Ärztin für Obdachlose in Berlin (Ostbahnhof)
12.12.2002
Gründung der Jenny De la Torre-Stiftung
2004–2006
Aufbau und Eröffnung des Gesundheitszentrums für Obdachlose
2006–2025
Ärztin und Leiterin des Gesundheitszentrums, Pflugstraße 12
1998–2025
Gastdozentin an der Charité Berlin (Institut für Sozialmedizin)
10.06.2025
Verstorben in Berlin

Ehrungen & Auszeichnungen

  • 1997: Bundesverdienstkreuz durch Bundespräsident Roman Herzog
  • 1997: Ehrenbürgerwürde ihrer Heimatstadt Nazca
  • 2002: Goldene Henne (Medienpreis der Super Illu)
  • 2002: Botschafterin für das Verbundnetz der Wärme
  • 2006: Großer Verdienstorden des diplomatischen Dienstes der Republik Peru „José Gregorio Paz Soldán"
  • 2010: Ehrendoktorwürde der Charité – Universitätsmedizin Berlin
  • 2011: Charity Award (SpringerMedizin)
  • 2013: Louise-Schroeder-Medaille
  • 2015: Carola Gold Preis
  • 2015: Deutscher Stifterpreis
  • 2018: Zipfelpreis des Zipfelbundes
  • 2022: Kaspar-Roos-Medaille des Virchow-Bundes

"Wir dürfen die Obdachlosen nicht aufgeben, sonst geben wir uns selbst auf."

— Dr. Jenny De la Torre Castro

Quelle: Porträt der Botschafterin für das Verbundnetz der Wärme Dr. Jenny De la Torre Castro 2004, entnommen der Website www.verbundnetz-der-waerme.de, überarbeitet und ergänzt.